Autismus-Autist-Aspergersyndrom-Entwicklungsverzoegerung

Wenn der Sandmann nicht kommt – von Schlafstörungen bei Autisten und Erfahrungen mit Melantonin

Gepostet am: 8. Februar 2018

Unser Großer wird bald acht Jahre alt und hat seit vier Jahren die Diagnose Autismusspektrumstörung. Mit dem Autismus gehen viele Einschränkungen einher, die uns als Familie mal mehr, mal weniger belasten. Immer wieder werde ich gefragt, ob ich mehr zum Thema Autismus schreiben kann. Ich habe den Eindruck, dass da noch viel Aufklärungsbedarf besteht. Also fang ich heut einmal mit einem Problem an, welches uns schon seit Laurenz Geburt begleitet – die Schlafstörungen.

Wann begannen die Schlafstörungen?

Laurenz schlief schon als Baby sehr schlecht. Nach der Geburt schlief er im Beistellbett neben uns. Es war praktisch, weil ich beim Stillen nicht extra aufstehen musste. Wenn er Hunger hatte, nahm ich ihn zu mir in Bett und stillte ihn. Als er satt war legte ich ihn wieder in sein Bett und wir schliefen weiter.

Im Normalfall ist es ja so, dass die Kinder, wenn sie größer werden, ins Kinderbett und Kinderzimmer umziehen. Das mit dem Kinderbett hatten wir auch eingeführt. Allerdings konnte er nie alleine einschlafen. Einer von uns musste immer bei ihm bleiben und seine Hand halten. Es dauert ewig, bis er in den Schlaf fand. Das konnte unter Umständen ein bis zwei Stunden dauern. Jeden Abend hatten wir Theater. Irgendwann kamen Freunde zu besuchen. Wir unterhielten uns und erzählten von Laurenz Schlafproblem und dass er immer noch in unserem Schlafzimmer schlief. „Das geht gar nicht“, sagten sie und wir stellten noch am selben Nachmittag sein Bett ins Kinderzimmer um.

Damit war unser Problem aber nicht gelöst. Weiterhin mussten wir bei ihm bleiben, bis er einschlief. Wir haben alles mögliche probiert, das Bett umgestellt, die Matratze gewechselt, ein neues, größeres Bett gekauft, nichts half. Wir waren verzweifelt. Ich hab das Internet hoch und runter nach Hilfe abgesucht. Ich habe massenweise Bücher wie „Jedes Kind kann schlafen lernen“ gekauft und gelesen. Alle Tipps und Tricks halfen bei uns nicht. Keine Chance, unser Sohn schlief nicht alleine ein und wachte nachts immer wieder auf. Wir waren wie gerädert und gaben auf.

Ich wurde wieder schwanger und das Schlafproblem zehrte sehr an unseren Nerven. Also beschlossen wir, Laurenz wieder zu uns in Bett zu holen. Er durfte in der „Besucherritze“ schlafen. Als Ludwig dann geboren wurde, schliefen wir dann wieder zu viert im Schlafzimmer. 

Während Ludwig ziemlich bald im eigenen Bett im Kinderzimmer schlief, blieb Laurenz weiterhin bei uns im Bett. Auch der Versuch, beide im Kinderzimmer schlafen zu lassen, scheiterte. Als Laurenz in die Schule kam, steigerte sich das Schlafproblem noch einmal. Er kam abends einfach nicht zur Ruhe. Wie ein Tiger im Käfig lief er durch die Wohnung. Er redete in einer Tour und bat und bettelte, dass jemand mit ihm ins Bett kam, weil er sonst nicht schlafen konnte. Unser Familienleben war gelinde gesagt am Arsch. Mein Mann kam von der Arbeit, aß zu Abend und ging mit Laurenz ins Bett. 

Schlafstörungen bei Autisten

Was ist Melatonin?

Ich suchte in Internet-Foren nach Hilfe und stolperte immer öfters über Melatonin. Melatonin ist ein körpereigenes Hormon.  Es wird aus dem Nervenbotenstoff Serotonin in einem Teil des Zwischenhirns gebildet. Beim gesunden Menschen wirkt dieses Hormon schlaffördernd und reguliert den Schlaf-Wach-Rhythmus. Ich las, dass es genau an diesem Hormon bei vielen Autisten mangelte. Die Auswirkungen dieses Mangels sind Einschlafprobleme, Schlafstörungen und eine Disharmonie des Schlaf-Wach-Rhythmus.

Ich sprach unseren Psychologen im SPZ auf die Schlafstörungen und das Melatonin an. Er erklärte uns, dass viele Eltern gute Erfahrungen mit der Gabe von Circadin, einem in Deutschland zugelassenen Medikament zur kurzzeitigen Behandlung von Schlafstörungen ab 55 gemacht haben. Da dieses Arzneimittel nicht an Kindern und Jugendlichen getestet wurde, verschrieb er es uns, mit der Auflage einer engmaschigen Überwachung.

Circadin ist eine Retardtablette, die ihren Wirkstoff langsam über mehrere Stunden hinweg freisetzt und die natürliche Produktion von Melatonin im Körper nachempfinden soll. Der Wirkstoff wird bis zum nächsten Morgen abgebaut und soll auch nicht abhängig machen.

Schon die erste Gabe einer Circadin-Tablette wirkte Wunder. Zum ersten Mal wurde Laurenz müde, schlief alleine ein und auch durch. Wir waren happy. Für uns war aber klar, dass wir ihm nicht dauerhaft Medikamente zum Schlafen geben wollten. Also bekam er in der Schulzeit während der Woche abends eine Tablette. Am Wochenende und in den Ferien ließen wir das Circadin weg. Er war dann sofort wieder lange wach und schlief nicht alleine ein.

Schlafprobleme Autisten

Alternative zu Circadin – Melatonin

Laurenz bekam Circadin mit Unterbrechungen etwa ein Jahr lang. Dann gab es plötzlich Probleme mit der Finanzierung. Die Krankenkasse wollte die Kosten nicht mehr übernehmen. Der Kinderarzt verschrieb uns Circadin nur als Privatrezept, das SPZ wollte Circadin absetzen und durch Ritalin ersetzen. Damit waren wir nicht einverstanden. Optional riet man uns, die Kosten aus eigener Tasche zu zahlen oder aber das Melatonin als Tropfen über das Internet zu bestellen.

Ich machte mich wieder kundig, klapperte die Apotheken ab und forschte nach. Keine Apotheke in unserem Umkreis konnte uns weiterhelfen. Man riet mir, Melatonin von Bekannten aus den USA mitbringen zu lassen. Dort bekommt man Melatonin in jedem Drugstore als Nahrungsergänzungsmittel für wenige Dollar. Wichtig ist, dass man darauf achtet, dass es sich um REINES Melatonin handelt und nicht um ein Mischpräparat. Freunde haben uns dann vor ein paar Wochen von einem USA-Aufenthalt Melatonin-Tropfen mitgebracht. Seitdem bekommt Laurenz jeden Abend vier Tropfen auf die Zunge. Wir dosieren es weit unter der Packungsangabe von zwei ganzen Pipetten. Es wirkt trotzdem und unsere Familie kann wieder ein Stück aufatmen.

Das Schlafproblem war jetzt eine unserer vielen „Baustellen“. Eine zweite gehen wir gerade an, das Schlafen im eigenen Bett. Aber dazu demnächst mehr. Ich hoffe, ich kann euch mit unseren Erfahrungen weiterhelfen und würde mich über Feedback und Erfahrungen freuen.

Noch mehr zum Thema Autismus findet ihr HIER. Ich bin kein Arzt. Alles, was ich hier schreibe, sind eigene Erfahrungen.

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