Schule für Autisten – Unser Sohn kommt in die 3. Klasse

Ich kann es kaum glauben, wie schnell doch die Zeit vergeht. Gerade ist er noch mit dem Bobby Car über die Terrasse gerutscht, schon tritt er mit seinem Schulranzen den Weg in die 3. Klasse an.

Schule Autisten

Da ich immer wieder gefragt werde, auf was für eine Schule Laurenz geht, wie wir die passende Schule gefunden haben und ob wir zufrieden sind, habe ich mir überlegt, einen Blogpost darüber zu schreiben.

Welche Schule für autistische Kinder?

Nach der Autismus-Diagnose wechselte Laurenz in einen Sonderschul-Kindergarten. Darüber habe ich bereits in einem anderen Blogpost berichtet. Er fühlte sich dort sehr wohl, wurde wieder ruhiger und machte Fortschritte.

Als die Einschulung nahte, machten wir uns mit der Kindergartenleitung, dem Vertrauenslehrer und der Schulpsychologin Gedanken darüber, welche Art der Beschulung für Laurenz passen könnte. Wir sahen uns verschiedene Schulmodelle an, die in Frage kamen. In allen Schulen wäre er in Inklusionsklassen gekommen, in denen die Klassenstärke aus 22 bis 25 Schüler bestand. Das verursachte uns mächtige Bauchschmerzen. Sowohl für uns als Eltern, wie auch für seine Erzieher im Kindergarten war klar, dass Laurenz in so einer großen Klasse komplett überfordert wäre.

Inklusion nicht möglich 

Also versuchten wir in der Sonderschule einen Platz zu bekommen, wo Laurenz bereits in den Schulkindergarten ging. Ich hatte mich anfangs etwas dagegen gewehrt, dass er diese Schule besucht. Nicht, weil ich ein Problem mit der Sonderschule gehabt hätte. Ich wollte nur nicht, dass Laurenz eine Ganztagsschule besucht, weil ich dachte, es wäre zu viel für ihn. Ich hätte mir gewünscht, wenn er nach dem Unterricht heimkommen und den Nachmittag zu Hause verbracht hätte.

In der Schule einen Platz zu bekommen, war gar nicht so einfach. Aufgrund des besonderen Konzepts hatte die private Schule eine sehr lange Warteliste. Aber wir hatten Glück. Dadurch, dass Laurenz bereits den Schulkindergarten besuchte, war er bereits im Kollegium bekannt und wir erhielten die Zusage für einen Platz im Schneckenhaus.

Das Schneckenhaus – eine Sonderschule für Autisten

Laurenz besucht jetzt im dritten Jahr die Schneckenhausklasse. Das Schneckenhaus ist ein spezielles Konzept für Kinder mit der Diagnose Autismusspektrumstörung oder Asperger-Syndrom.

Die Kinder werden dort teilstationär betreut. Das heißt, sie werden morgens gegen 8 Uhr mit dem Fahrdienst von zu Hause abgeholt und nachmittags gegen 17 Uhr wieder nach Hause gebracht. Mittwochs ist kurzer Tag. Da endet die Schule bereits um 13 Uhr.

Der Unterricht beginnt gegen 8.30 Uhr und geht bis 12 Uhr. In der Klasse werden acht Schüler klassenübergreifend von der 1. bis zur 4. Klasse  betreut und unterrichtet. Schule und Tagesgruppe arbeiten eng zusammen und sind in ständigem Austausch.

Schule für Kinder mit Autismus

Die Lehrstoff orientiert sich am Bildungsplan Baden-Württemberg. Die Schwerpunkte liegen auf:

  • Kontaktfähigkeit und Kommunikation
  • Selbständigkeit
  • Selbst- und Fremdwahrnehmung
  • Regelverständnis
  • Mengenlehre und Schrift
  • Arbeit mit neuen Medien

Um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Tagesgruppe für Nachmittagsbetreuung

Das Mittagessen, die Hausaufgaben- und Nachmittagsbetreuung findet dann in der Tagesgruppe statt. Nach dem Unterricht gehen die Jungs gemeinsam zur Tagesgruppe und Essen dort Mittag. Danach gibt es eine Ruhepause, in der sich die Kinder erholen, Hörspiele hören und abschalten können. Wöchentlich wechselnde Hausarbeitsdienste gehören ebenso zum Konzept, wie regelmäßiges Sozialtraining, welches speziell an Kinder mit Autismus angepasst ist. Bei Bedarf erhalten die Kinder Einzelförderung und werden auch während der Schulzeit zu Therapien gebracht und wieder abgeholt.

Die Tagesgruppe bietet aber auch ein abwechslungsreiches Freizeitangebot an. Von Basteln, Werken, Backen und Kochen bis hin zu Spiel- und Schwimmbadbesuchen, Kino oder Museum ist alles dabei. Ganz besonders freuen sich die Kids immer auf Dienstag, da ist Ausflugstag. Dieser Tag ist hausaufgabenfrei und gleich nach dem Mittagessen geht es zu den verschiedensten Ausflugszielen in der Region.

Alle Hausaufgaben werden in der Tagesgruppe erledigt,  außer am Mittwoch, dem kurzen Tag. Da gibt es eine kleine Aufgabe für zu Hause. Für uns als Eltern ist das schon mal eine enorme Entlastung.

Autisten und Inklusion

Kontraktgespräch mit dem Jugendamt

Auch wir Eltern stehen in engem Kontakt mit Tagesgruppe und Lehrerin. Alle drei Monate findet für jedes Kind ein Kontraktgespräch statt. Dabei treffen sich Eltern, Schule, Tagesgruppe und Vertreter des Jugendamtes zum Austausch. Es werden Förderziele werden vereinbart und wenn nötig Probleme besprochen.

Weiterbildung im Elternseminar

Ein- bis zweimal im Jahr findet ein von der Schule organisiertes Elternseminar statt. Alle Eltern können dabei kostenlos an interessanten Weiterbildungsseminaren rund um das Thema Autismus teilnehmen.

Was kostet die Schule im Monat?

Die Schule kostet im Monat ca. 2000€. Aufgrund des sonderpädagogischen Förderbedarfs mit Förderschwerpunkt im sozialen/emotionalen Bereich zahlen wir als Eltern einen nach Einkommenshöhe gestaffelten Eigenanteil. Dieser beläuft sich derzeit bei uns auf 40€.

Inklusion oder Förderschule – Welche Schule eignet sich für Autisten?

So genau kann ich das gar nicht sagen. Ich denke, man muss jedes Kind individuell anschauen. Laurenz kommt super klar in der Sonderschule. Eine “normale” Schule wäre für ihn nicht zu bewältigen. Im Schneckenhaus hat er einen festen Rahmen, immer die gleich Abläufe und sogar die gleichen Farben, die für ihnen einen Wiedererkennungswert darstellen.

Integration – wenn möglich

Die Sonderschule arbeitet eng mit der örtlichen Grund- und Realschule zusammen. So wird den Kindern, je nach Ermessen, die Möglichkeit der Integration in eine normale Schulklasse gegeben. Klappt es gut, kann irgendwann der Wechsel an die Schule erfolgen. Scheitert der Versuch oder kommt das Kind damit nicht zurecht, kann es seinen Förder- oder Hauptschulabschluss im Schneckenhaus machen.

Unsere Erfahrungen

Wir haben bis jetzt sehr gute Erfahrungen mit dieser Schulform gemacht. Auch meine anfänglichen Bedenken gegen das “teilstationäre” Konzept löste sich nach kurzer Zeit in Luft aus. Für uns als Familie ist diese Schule ein wahrer Segen. Wir haben Unterstützung und Verständnis. Laurenz kann sich nach seinem Tempo entwickeln. Die Lehrerin geht auf ihn ein und passt den Schulstoff an seine Bedürfnisse an. Er hat alle Zeit der Welt, Schritt für Schritt voranzukommen.

Wohin die Reise geht, wie Laurenz sich entwickelt und welchen Schulabschluss er erreichen wird, ist jetzt noch komplett offen. Wir sind froh, dass er sich in der Schule wohl fühlt und dort gut zurecht kommt.

Aber, wie das immer so ist, wenn du denkst, es läuft mal an einer Stelle, bekommst du wieder einen Dämpfer.

Heut kam eine Anhörung vom Landratsamt zum Schwerbeschädigtenausweis. Der Grad der Behinderung soll gekürzt werden und die Merkzeichen G und B sollen wegfallen, weil sich der “Autismus zwischenzeitlich gebessert haben soll” und “eine gewisse Selbständigkeit zu vermerken ist”. Das heißt leider wieder um das Recht des Kindes kämpfen. Die Kraft, die ich dafür aufwende, würde ich viel lieber meinem Kind zugutekommen lassen.

Ich halte euch auf dem Laufenden. Hier könnt ihr noch mehr zum Thema Autismus lesen.

1 Kommentar

  1. 10. September 2018 / 7:45

    Liebe Kerstin,

    danke für diese interessanten Einblicke! Laurenz hat wirklich großes Glück so offene und engagierte Eltern zu haben!

    Für die nächsten Kämpfe mit den Ämtern wünsche ich euch viel Durchhaltevermögen!

    Ganz liebe Grüße,
    Patricia

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.