Eigentlich wollte ich schon gestern ein paar Zeilen schreiben. Genau genommen schon vorgestern aber irgendwie fühle ich mich gerade unfähig, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen.

Ich habe das Gefühl, ich hänge in einem Albtraum eines amerikanischen Endzeit-Thrillers fest und warte auf den Augenblick, indem mein Mann mich weckt und mir sagt: „Schatz, aufwachen! Du hast nur schlecht geträumt!“

Aber leider ist dieser „Albtraum“ gerade die Wirklichkeit. Er nennt sich Corona und sorgt gerade dafür, das die Welt, wie wir sie kennen, aus den Fugen gerät. Mein Verstand kann es noch gar nicht richtig fassen, was hier gerade abgeht. Ich schwanke zwischen, „alles wird gut“ und „oh Gott, wir werden alle sterben!“

Ich versuche mich so weit es geht, von den Nachrichten, Live-Tickern und News abzuschotten. Was trotzdem noch durchdringt, reicht um mir starke Übelkeit zu verursachen. Familie und Freunde schicken die neuesten Nachrichten und mein Mann informiert mich brühwarm über den aktuellen Stand der Dinge.

Dabei will ich eigentlich nichts mehr hören. Ich will im Bett liegen, mir die Decke über den Kopf ziehen und erst wieder rauskommen, wenn alles vorbei ist.

Ich bin eigentlich Krisen-erprobt

Eigentlich bin ich ja den Umgang mit Krisen gewöhnt. Zum einen, weil ich in der DDR aufgewachsen bin, da waren die Regale auch oft leer. Für manche Dinge mussten wir ewig anstehen. Nun gut, es war jetzt nicht das Klopapier, es waren andere Sachen, aber es war damals so. Genauso mit dem Reisen und den geschlossenen Grenzen, ist es jetzt ähnlich, wie zu DDR-Zeiten. Auch meine Zeit im Frauenhaus, die finanziellen Sorgen und Probleme haben mich nie gänzlich aus der Bahn geworfen.

Was mir aber hauptsächlich Angst macht, ist diese Ungewissheit, diese unbekannte Bedrohung. Ich versuche, unseren Alltag so normal wie es nur möglich ist, zu gestalten, um auch den Kindern eine Konstante zu bieten.

Alltag und Routine

Wir schlafen etwas länger als sonst und entschleunigen unsere Morgenroutine. Weil ich momentan nicht zum Sport kann, turne ich meine Übungen über die App meines Studios nach. Danach frühstücken wir gemeinsam und versuchen anschließend, das Homeschooling gut es geht, in den Tag einzubauen. Momentan haben wir ein paar Startschwierigkeiten, aber ich denke, in den nächsten Tagen wird sich das auch einspielen.

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Die Kids sitzen an diesen Tagen etwas mehr an ihren elektronischen Geräten, als sonst. Es wird uns niemand übel nehmen, es ist halt nun mal gerade so, denn ich brauche zwischen Wäsche waschen, Essen machen, Staub saugen, Aufgaben beaufsichtigen, Sorgen machen auch mal ein paar Minuten Auszeit.

Mittags gehen wir alle zusammen mit dem Hund raus. Das ist Pflicht! Wir haben den Wald genau vor der Tür und suchen uns Wege, auf denen niemand unterwegs ist. Nachmittags spielen wir zusammen, drehen Videos oder backen Kuchen.

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Wir whatsappen mit der einen Oma und sagen ihr, dass sie gut auf sich aufpassen soll. Die andere Oma wurde gestern ins Krankenhaus eingeliefert, weil es ihr nicht gut ging. Hoher Blutdruck und Schwindel sagt der Arzt, mehr wissen wir momentan nicht. Im Krankenhaus herrscht Besuchsverbot.

Mit Stacy telefoniere ich auch hin und wieder, erzähle ihr, wie unsere Kooperationen eine nach der anderen wegbrechen. Sie ist froh über ihre Berufswahl als Krankenschwester, sagt sie, der krisensicherste Job überhaupt.

Abends hole ich meinen Mann von der S-Bahn ab. Manchmal zu Fuß, mit Max, manchmal mit dem Auto. Kein Bussi, keine Umarmung, kein Händedruck bis wir zu Hause sind und er sich gründlich die Hände gewaschen hat.

Wir essen zusammen Abendbrot, reden lange über das, was den Tag über alles passiert ist. Wir sprechen mit den Kindern und versuchen, all das zu erklären, was uns derzeit bewegt und versuchen, uns die Angst und Sorgen nicht allzu sehr anmerken zu lassen. Aber machen wir uns nichts vor, Kinder haben sehr feine Antennen und spüren, wenn etwas nicht in Ordnung ist. Dann suchen sie unsere Nähe, sind lieb und anhänglich.

Kinder spüren alles

So wie heute Abend, als beide Jungs wollten, dass ich mit ihnen kuschel, ganz lange, ganz intensiv. Ich habe mich zu ihnen ins Bett gelegt, sie gestreichelt und gemerkt, wie mir die Tränen unaufhörlich liefen. „ICH LIEBE EUCH SO SEHR!“, habe ich die ganze Zeit gedacht und manchmal schimpfe ich so viel. Und jetzt will ich eigentlich nur, dass wir irgendwie aus diesem Scheiß Albtraum wieder rauskommen. Wir als Familie, das Land und die ganze Welt.

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Jetzt sitze ich hier in meinem Arbeitszimmer, mit einem Glas Wein und ein paar Kerzen. Ich schreibe und merke, je mehr ich von all dem Rauslasse, was mich belastet, um so besser geht es mir. Mein Mann hat noch die Küche aufgeräumt, geduscht und kommt mir gute Nacht wünschen. Sein Wecker klingelt um halb 4. Mal sehen, wie lange er noch zur Arbeit gehen kann. Sein Chef hat Kurzarbeit angekündigt. Er umarmt mich und wischt mir die Tränen weg. „Es wird alles gut, Schatz“, sagt er. Wird es das? Ich weiß es nicht. Niemand weiß das.

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Ich weiß nur, dass ich morgen wieder aufstehen werde, meinen Morgensport mache und mit den Jungs frühstücke. Wir werden lernen und spazieren gehen, ein bisschen aufräumen und zusammen spielen. Ich werde mich freuen, dass die Sonne scheint und meinen Kaffee auf der Terrasse trinken.

Ich werde die Augen schließen, tief einatmen und tief ausatmen und mir sagen: „Heute ist ein schöner Tag und morgen wird auch ein schöner Tag.“

Wir schaffen das und wir werden als Familie vielleicht noch ein kleines Stück mehr zusammenrücken. Und wer weiß, wenn wir in fünf oder zehn Jahren wieder mit dem Wohnmobil in der Toskana sitzen oder am Atlantik, dann werden wir darüber reden. Über die Corona-Zeit und was sie alles verändert hat.

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Wer weiß, wozu es gut ist …

Wie diese gezwungene Auszeit die Menschen hat zusammenrücken lassen.

Wie die Natur sich in dieser Zeit erholt hat, in der weniger Autos, Flugzeuge und Kreuzfahrtschiffe unterwegs waren.

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Wie wir die Arbeit von all den Menschen haben wertschätzen gelernt, die im Gesundheitswesen, bei der Polizei, der Energieversorgung oder im Handel Tag für Tag ihr Bestes gegeben haben.

Wer weiß… vielleicht war all das längst überfällig. Vielleicht braucht es keinen Krieg, keine Apokalypse oder keinen Weltuntergang, damit die Menschen umdenken. Manchmal reicht eine klitzekleine Kleinigkeit, ein Virus, das man nicht mal mit dem Auge erkennt, um die Welt aus den Angeln zu heben und ein Umdenken herbeizuführen.

Wir sitzen alle im gleichen Boot. Wir müssen alle zusammen fahren. Eine zweite Arche Noah bekommen wir nicht.

© Phil Bosmans

In diesem Sinne… Bleibt gesund und passt auf euch auf.